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Liebe Leser!

Vielleicht erinnert sich der Eine oder Andere von Ihnen an einen kürzlich durchgemachten fieberhaften grippalen Infekt, wie sie in der kalten Jahreszeit häufig vorkommen. Immer wieder erlebe ich die Überraschung von Patienten, die jahrelang gesund waren, über eine fieberhafte Erkrankung und das damit verbundene oft sehr quälende Krankheitsgefühl. Durch die Schmerzen und das mit der Erkrankung verbundene Leid werden wir ganz auf uns selbst zurückgeworfen. Unsere Möglichkeiten in der Welt tätig zu sein sind reduziert oder gar nicht mehr vorhanden, wir sind arbeitsunfähig. Besonders dann wenn wir Bettruhe halten müssen, das Fieber und die Schmerzen uns auch das Denken erschweren, kann für den Beobachter von außen der Eindruck entstehen, dass ein Stillstand in unserem biographischen Wirksamwerden eintritt. Dabei geschieht sehr viel in unserem Inneren. Fragen tauchen auf. Anfänglich solche wie: Was für eine Krankheit habe ich? Wie lange wird sie anhalten? Wie ist sie zu behandeln? Manche Menschen fragen sich darüber hinaus: Was hat diese Krankheit jetzt für einen Sinn? Warum bekomme gerade ich jetzt diese Krankheit? Bei sehr schweren Erkrankungen beginnt eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal, die sich in Nicht-wahr-haben-wollen, Resignation, Wut, Verzweiflung und anderen Gefühlen ausdrücken kann. Um beim einfachen Beispiel einer fieberhaften grippalen Erkrankung zu bleiben, so wäre die schulmedizinische Erklärung und Therapie schnell erfolgt: man hat sich mit einem Krankheitserreger angesteckt und je nach Art des Erregers würde antibiotisch und/oder rein die Symptome lindernd (fiebersenkende und schmerzstillende Medikation) behandelt werden. Eine eventuell vor der Erkrankung vorhandene seelische Krisensituation wie Erschöpfung, Konflikte am Arbeitsplatz, emotionale Verletzungen, etc. wie sie von vielen Patienten beschrieben wird, würde als zufällig und unwesentlich angesehen werden. Wir begegnen hier dem Denkmuster eines reduktionistischen Menschenbildes, wie es im Moment in der sogenannten Schulmedizin vorherrscht, die seelisch-geistige Faktoren in Form von Spezialfächern wie Psychosomatik und Psychiatrie auslagert und sich in Diagnostik und Therapie ganz auf die körperlich ablaufenden biochemischen Prozesse konzentriert.

 

Dort wo die Fragen nach dem tieferen Grund und Sinn der Erkrankung und damit deren biographischer Bedeutung auftreten, an dieser Stelle betritt man die Welt der anthroposophischen Medizin. Sie erweitert die naturwissenschaftliche Sichtweise durch ihr lebendigen Leib, Seele und Geist umfassendes und beschreibendes Menschenbild. Der Mensch wird damit in seiner ganzen Wesenheit, dass heißt seinem körperlichen Zustand, seinem Krankheitsprozess, seinem Befinden und den darüber hinausgehenden individuellen biographischen Fragen wahrgenommen. Die entscheidende und wesentliche Grundlage dieser Heilkunst ist das Menschenbild, das sich der anthroposophische Arzt mit der Menschenkunde Rudolf Steiners erarbeitet und das ihm geistige Haltung wird. Krankheit erscheint vor diesem entwicklungsorientierten Menschenbild nicht mehr vorrangig als Defekt sondern als sinnvolle Entwicklungsaufgabe. Heilung kann als erfolgreiches Gelingen dieses Entwicklungsprozesses angesehen werden. Der Mensch ist nach der Krankheit nicht geheilt im Sinne einer Reparatur sondern hat sich verändert, verwandelt. Im Urbild sehen wir diese Geste in den Kinderkrankheiten, die ganz offensichtlich kindliche Entwicklungsschritte begleiten und regelhaft in Form einer Restitutio ad integrum  (völligen Wiederherstellung des Organismus) ausheilen. Wenn man gut beobachtet, so kann man die errungenen Fähigkeiten nach erfolgter Rekonvaleszenz am Kind erkennen. Der anthroposophische Arzt bemüht sich den Erkrankten auf all den oben beschriebenen Ebenen zu begleiten, indem er Heilmittel und spezifische anthroposophische Therapien wie Heileurythmie, Maltherapie, Sprachgestaltung, rhythmische Massage, äußere Anwendungen verordnet. Die Art des Sich-Wahrgenommen-Fühlens im Verhältnis von Patient und Arzt bestimmt den Heilungsprozess maßgeblich mit. Auf diese Weise zu arbeiten setzt beim Arzt eine kontinuierliche Lern- und Entwicklungsbereitschaft voraus.

 

Wie modern und zukünftig das noch junge anthroposophische Denken ist, wird durch die Worte eines Quantenphysikers deutlich. Hans-Peter Dürr der den alternativen Nobelpreis sowie den Friedensnobelpreis für sein Engagement gegen Krieg, Nuklearwaffen, seine Umweltprojekte und seinen Einsatz für die Menschenrechte erhalten hat schreibt: „... mit den modernen Erkenntnissen in der Physik [ist] deutlich geworden, dass ein Wissen, wie wir es im naturwissenschaftlichen Sinne gebrauchen, der Wirklichkeit streng genommen nicht angemessen ist. Wir müssen eine andere, allgemeinere Vorstellung entwickeln: Wir brauchen ein neues Welt- und Menschenbild, um uns hier besser hineinzudenken.“ Aus den physikalischen Erkenntnissen über die Kräfte, die die Welt im innersten zusammenhalten, ergibt sich für Prof. Dürr: „Die Natur ist im Grunde nur Verbundenheit, das Materielle stellt sich erst hinterher heraus. Letztlich sind es die Verben: leben, lieben, fühlen, wirken, sein, die den Begriff Verbundenheit in unserer Sprache elementar ausdrücken. Wir sagen also: ...., Wirklichkeit ist reine Verbundenheit oder Potenzialität, nur die Kann-Möglichkeit, sich unter gewissen Umständen als Materie und Energie zu manifestieren, aber nicht die Manifestation selbst. Diese fundamentale Verbundenheit führt dazu, dass die Welt eine Einheit ist. Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, die Welt in Teile aufzuteilen, weil alles mit allem zusammenhängt. Damit ist prinzipiell die Basis entzogen, die Welt reduktionistisch verstehen zu wollen, sie auseinander zu nehmen, nach ihren Bestandteilen zu fragen.“1  Gemeinsam mit über 100 weiteren Wissenschaftlern aus aller Welt verfasst Dürr 2005 das Potsdamer Manifest, dass ein an diesem holistischen Weltbild orientiertes „Neues Denken“ einfordert.

 

Rudolf Steiner entwickelte diese Erkenntnisse auf einem anderen Weg, es finden sich jedoch immer wieder verblüffende Übereinstimmungen mit der aktuellsten naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung.

 

Wie notwendig ein erweitertes Menschenbild ist, zeigt sich auch an der aktuellen Diskussion über Präimplantationsdiagnostik (die Untersuchung von befruchteten Eizellen vor dem Einsetzen in die Gebärmutter) und Sterbehilfe. Wirklich urteilsfähig kann hier nur werden, wer mehr sieht und anerkennt als die Defekte und Gebrechlichkeiten des physischen Leibes. Nur wer die seelische und geistige Dimension des Menschseins gleichwertig zur körperlichen zu denken und wahrzunehmen lernt, wird die Würde des Menschen schützen können und vor Verirrungen, wie sie in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen sind, sicher sein (Euthanasie durch Ärzte auf dem Hintergrund einer pseudowissenschaftlichen Einteilung von lebenswertem und unwertem Leben). Rudolf Steiner hat mit seinem Werk die Grundlagen für ein solches „Neues Denken“ gelegt. In der anthroposophischen Heilkunst wird dieses Denken tagtäglich an vielen Orten der Welt ganz konkret in der Begegnung zwischen Arzt, Therapeut, Pflegendem und Patient wirksam.

 

1 Projekte der Hoffnung S. 42 Hans-Peter Dürr: „Das moderne holistische naturwissenschaftliche Weltbild – Konsequenzen für unser Denken und Handeln“